Earth Rocks
Verein zur Föderung phantastischer Literatur
Earth Rocks hat es sich zum Ziel gesetzt, einen Kontaktpunkt zwischen Literatur und Naturwissenschaften zu schaffen. Neben Lesungen, Vorträgen, Veröffentlichsmöglichkeiten phantastischer Literatur veranstaltet der Verein auch regelmäßig Literaturwettbewerbe. Der letzte Kurzgeschichtenwettbewerb - Einsendeschluss war am 31. August - stand unter dem Motto "Blinder Passagier".
Der Tempel ist hier
Siegergeschichte von Christian Damerow
„Was interessieren dich meine Kerzen?“, sagte Hain. „Du kannst mich nicht davon abhalten.“
Er zündete eine weitere Kerze an. Sam beobachtete jede seiner Bewegungen.
„Das ist die letzte Warnung. Wenn du noch eine Kerze anzündest, schmeiß ich den Leuchter zur Schleuse raus.“
„Was ist dein Problem? Du bist so spirituell, wie ein Turnschuh. Das ist nicht gut für die Seele.“
Es war der 25. Dezember und Hain feierte Chanukka. Er war kein Jude, doch er hatte entschieden, dass das Judentum seinem inneren Geist entsprach.
„Ich scheiß auf deinen Spiritus.“, sagte Sam und nahm einen Schluck aus dem Becher. „Siehst du, dass ich hier irgendwo einen verdammten Tannenbaum aufgestellt habe? Wir sind auf dem verfluchten Mond und deine verfluchten Feste sind mir verflucht noch mal egal.“
„Kein Wunder, dass du auf dem Mond arbeitest.“, sagte Hain, zündete die letzte Kerze an und stellte den siebenarmigen Leuchter vor Sam auf den Tisch.
„Außerdem machst du das falsch.“, murmelte Sam.
„Ich improvisiere, ok?“, sagte Hain. „Die Geste zählt.“
Sam hob die Hand und zeigte Hain den ausgestreckten Mittelfinger. „Die Geste zählt.“, sagte Sam grinsend.
Hain schüttelte den Kopf.
„Sei gesegnet.“, sagte Hain und stellte Sam einen dampfenden Teller auf den Tisch.
„Iss auf.“, sagte Hain. „Wir sollten bald wieder runtergehen.“ Hain ging zur Panoramaseite der Mondstation und blickte auf die Mondoberfläche hinaus, die an eine graue Schutthalde erinnerte. Rau und schmutzig und darüber ein schwarzer Himmel, voll kristallklarer Sterne.
„Sie sagen, man kann das Feuer, bis hier oben sehen. Sollen wir nachher rausgehen und nachsehen?“, fragte Sam kauend.
„Das ist respektlos.“
„Nein, das ist interessant.“, erwiderte Sam. „Das Haus meiner Familie ist bei den Bränden draufgegangen.“
„Du wolltest das Haus deiner Familie verkaufen.“
Sam zuckte mit den Schultern.
„Und wenn schon. Es soll auf jeden Fall ein Anblick sein.“
„Wie konnte es so außer Kontrolle geraten?“, sagte Hain und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Kann ich dir sagen.“
Sam stand auf und ging durch den Raum, bis er vor einer der Metallplatten stehen blieb, die an den Wänden angebracht waren. Er fasste den Griff der Platte und öffnete sie.
„Siehst du das?“, sagte er und zeigte auf die Leitungen, die sich hinter der Klappe befanden. Die Leitungen waren grau. Schwarze Löcher befanden sich in dem Material. „Materialermüdung. Ganz einfach. Wir stehen hier nur nicht auch in Flammen, weil es auf dem Mond so kalt ist, wie im Arsch eines verfluchten Eisbären.“ Er kam zu Hain und blieb wenige Schritte vor ihm stehen.
„Und genau deswegen gehen mir deine albernen Feste am Arsch vorbei“, sagte er. „Weil sie überhaupt nichts ändern. Und jetzt nimm diesen dämlichen Leuchter von meinem Tisch.“
Hain wollte etwas erwidern, als der Boden unter ihren Füßen zu beben begann.
Es war nur ein leichtes Vibrieren, vielleicht ein Asteroid, der irgendwo eingeschlagen war, doch wenige Augenblicke später fiel die Beleuchtung der Mondstation aus. Alles wurde dunkel. Die Notbeleuchtung sprang an und tauchte die Station in blutrotes Licht.
„Verflucht.“, zischte Sam.
Das Warnsignal ertönte und gellte schrill in ihren Ohren. Das Beben unter ihren Füßen wurde stärker. Sofort verfielen sie in mühsam antrainierte Routine, professionelles Notfallverhalten. Sam stürzte in den unterirdischen Bereich der Station und setzte sich an die Messinstrumente, während Hain sich um die optischen Sensoren kümmerte.
„Siehst du etwas?“, rief Sam durch die Station.
„Ich weiß nicht...“, rief Hain zurück.
Er sah etwas. Auf 36°,49° wurde eine Bewegung registriert, doch es war unmöglich zu sagen, was es war. Es hätte ein Asteroid sein können, es war so verdammt hell.
„Da kommt irgendwas runter!“, rief Hain.
„Ich hab es.“, rief Sam und verfolgte die Zahlenreihen und Koordinaten, die sich rasend schnell veränderten. „Es kommt runter. Verfluchte Scheiße ist es schnell.“
„Wo kommt es runter?“
Sam überprüfte die Daten, verglich sie mit ihrer Position und den Positionen der anderen sieben Stationen.
„Sam, wo kommt es runter?“
„Hier.“, murmelte Sam.
„HIER!“, rief er durch die Station. „Das Mistding kommt genau hier runter!“
Sam sprang auf, rannte durch die Station und packte Hain am Kragen.
„Raus hier!“
In zwei Minuten waren sie in ihren Anzügen und stürzten zur Schleuse hinaus. Es war wie in einem Alptraum, in dem man zu laufen versuchte und nicht von der Stelle kam. Sie hüpften über die Mondoberfläche wie kleine Gummibälle.
„Schneller!“, rief Sam über Funk.
Er wandte den Blick zurück und sah die kuppelförmige Oberfläche der Station, die sieben Meter in den Mondboden ragte. Über der Station sah er ein helles Licht, dass mit jeder Sekunde stärker wurde. Hain wandte sich nicht um, sondern hüpfte stoisch geradeaus.
Sie erreichten einen kleinen Hügel, etwa zwanzig Meter von der Station entfernt. Sie lagen schnaufend am Fuß des Hügels und blickten zurück. Über der Station schwoll das Licht zu einer feurigen Pfeilspitze an, die direkt auf die Mondstation zuraste. Mit einem Vibrieren, das sie im ganzen Boden fühlten, schlug das Licht in die Station ein und zerschmetterte sie mit einem dumpfen Knall. Es gab eine grelle Explosion, die die Station verzehrte und in sich zusammensinken ließ.
„Gott steh uns bei.“, murmelte Hain und starrte auf die Trümmer der Station, in der sie gerade noch gesessen und sich gestritten hatten. Glühende Metallteile wirbelten hoch und segelten schwerelos in den Himmel, andere schwebten wie überdimensionale Federn zu Boden. Eines der Trümmerstücke landete nur wenige Meter von ihnen entfernt und wirbelte ganze Schleier von Mondstaub auf. „Ich hab dir doch gesagt, du sollst diese verfluchten Kerzen nicht anzünden.“, murmelte Sam.
Sie näherten sich vorsichtig den Resten der Station. Überall schwebte Staub in der Luft, vereinzelte Trümmer sanken aus dem Himmel zu Boden. Das Feuer war bereits erstickt.
Sie erreichten die Stelle, an welcher sich die Schleuse befunden hatte und standen vor einem kreisrunden Fundament, wo früher die Wände der Station gewesen waren. In der Mitte des Fundaments befand sich der Trümmerhaufen. Die Station war zwei Stockwerke tief eingesunken. Das Objekt, das dafür verantwortlich war, lag inmitten der Trümmer und glühte schwach vor sich hin.
„Das sieht aus wie ein verdammtes Ei.“, sagte Sam, als sie durch die Ruine stiegen und sich dem Objekt näherten.
„Vielleicht sollten wir die Zentrale verständigen, bevor wir weitergehen.“, sagte Hain.
„Vergiss die Zentrale. Bis die hier sind, bricht die ganze Station zusammen. Hilf mir mal.“
Sam kletterte in das Nest aus Trümmern, in deren Mitte das Objekt lag. Es hatte die Größe eines kleinen Satelliten. Sam kroch näher heran und sah, dass das Objekt eine schwarze, unebene Oberflächenstruktur besaß. Es sah aus, wie ein großes Stück Kohle. Er legte seine behandschuhten Finger auf das Objekt, fühlte jedoch nichts. Keine Kälte, keine Hitze.
„Fass mit an.“, sagte er und ging um das Objekt herum.
Hain fasste den schwarzen Gegenstand an der einen Seite, Sam an der anderen.
„Hochheben.“, sagte Sam und gemeinsam wuchteten sie das schwarze Objekte in die Höhe. Die geringe Mondgravitation erleichterte ihnen die Arbeit, das Objekt fühlte sich kaum schwerer an, als eine leere Kiste.
Sie hievten das Objekt aus den Trümmern der Station und legten es einige Meter entfernt in den Mondsand. Mit in die Hüfte gestemmten Händen betrachtete Sam den Fund.
„Was ist das?“, fragte Hain, der am Boden hockte und schwer atmete.
Sam zuckte mit den Schultern.
„Finden wir es heraus.“, sagte er und zog einen silbernen Schraubstock aus dem Werkzeuggürtel seines Raumanzugs. „Warte!“, rief Hain, doch Sam holte bereits aus und ließ den Schraubstock auf das Objekt niedersausen. Die Wucht hinter seinem Schlag war nicht der Rede wert, doch allein die Berührung mit der schwarzen Oberfläche des Objekts genügte, um einen feinen Riss in dem kohleartigen Material zu erzeugen. Sam warf den Schraubstock zur Seite, ließ sich neben dem Objekt in die Knie sinken und schob seine Finger in den Riss. Er drückte das Material auseinander und spürte ein leichtes Knacken. Nur ein wenig mehr Druck und das eiförmige Objekt sprang unter seinen Händen auseinander. Die Kruste brach und offenbarte den Inhalt. Sam stockte der Atem. Hain kroch an seine Seite und starrte auf die Metallstücke, die bronzeschimmernd im Inneren des Kohlematerials lagen.
Hain griff nach einem goldenschimmernden Stück, das zwischen den Trümmern lag und wie eine Schallplatte aussah.
„Was soll das sein?“, murmelte er und drehte die Schallplatte in den Händen.
„Himmel.“, sagte Sam und streckte die Hand nach einer bronzeschimmernden Plakette aus, die vor seinen Füßen lag. „Lass uns die Zentrale verständigen.“, sagte er leise und betrachtete die kleine Plakette. Er spürte wie sein Herz schneller zu schlagen begann.
Auf der Plakette stand in eingravierten Buchstaben: VOYAGER 1
„Erklären Sie es mir. Was hat das zu bedeuten?“
Der Führer der Streitkräfte saß im Stabsraum und betrachtete mit stoischem Blick die Gruppe von mehr als zwanzig Personen, die ihn umgab. Ein unruhiges Murmeln lag in der Luft.
„Sir, das ist nicht leicht zu erklären“, sagte ein Wissenschaftler namens Andrews. Er hatte dünnes, schwarzes Haar und trug eine Brille, die nur aus zwei kleinen, runden Gläsern bestand.
„Versuchen Sie es.“, sagte der General.
Andrews rieb sich den Schweiß von der Stirn.
„Sir, bei dem Fund, den unser Außenposten gemacht hat, handelt es sich um die Überreste eines Projekts aus dem Jahr 1977. Die ehemalige NASA schickte zwei Sonden, Voyager 1 und 2, auf eine Mission durch den Weltraum. Sie sollten Aufnahmen von den äußeren Regionen unseres Sonnensystems machen.“
Der General nickte.
„Sir, VOYAGER 1 ist gestern zurückgekehrt.“, sagte Andrews und lockerte seine Krawatte.
„Was bedeutet das?“
„Sir, die VOYAGER 1 Sonde müsste sich zu diesem Zeitpunkt und unseren Berechnungen zufolge 64 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt im interstellaren Raum befinden. Weit jenseits unseres Sonnensystems. Es ist nicht denkbar, dass...selbst rein theoretisch ist es nicht möglich, dass sie...Sir, es ist nicht möglich, dass sie zurückkommt.“
„Sir...“ Ein anderer Wissenschaftler erhob sich von seinem Platz. Sein Name war Horowitz. „Sir, es waren nicht nur Trümmer der Sonde, die wir geborgen haben.“
Der General richtete seinen Blick auf Andrews.
„Das stimmt, Sir.“, sagte Andrews und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Man gab der Sonde Daten über unsere Kultur und unser Sonnesystem bei. In Form einer kleinen, goldenen Schallplatte. Koordinaten, Sir, Koordinaten über die Position unseres Planeten, für den Fall, dass die Sonde...gefunden würde.“ Horowitz unterbrach erneut seinen Kollegen.
„Sir,“, sagte er. „Die Schallplatte. Sie ist ebenfalls zurück. Unversehrt.“
Der General richtete sich auf und sah von einem Mann zum anderen. Das Murmeln im Raum schwoll an.
„Was ist mit der Schallplatte?“, fragte der General misstrauisch. Andrews gab einem seiner Kollegen ein Zeichen. Dieser verließ den Raum und kam kurz darauf mit einem antiken Schallplattenspieler zurück, den er auf einem kleinen Tisch vor sich herschob. Neben dem Schallplattenspieler befand sich ein kleines, schwarzes Kästchen. Andrews öffnete das Kästchen und entnahm ihm eine kleine, goldene Schallplatte.
„Sir,“, sagte Horowitz. „Die Daten, die unsere Vorfahren auf der Platte speicherten wurden gelöscht.“
„Wir haben die Platte untersucht.“, sagte Andrews leise und legte die Platte auf den Schallplattenspieler. „Die Daten wurden nicht nur gelöscht, Sir. Sie wurden überspielt.“
Stille trat ein. Jeder Mensch im Raum hielt den Atem an. „Sie wurden durch folgende Botschaft ersetzt.“
Andrews legte die Nadel auf und die Schallplatte begann sich zu drehen. Ein Knistern und Knacken erklang aus dem Lautsprecher, dann ein Rauschen und Summen, wie aus weiter Ferne.
Dann erklang die Botschaft, die mit den Resten von VOYAGER 1 zurück zur Erde gesandt wurde. Die Botschaft lautete: „Wir kommen.“
Linktipp
Veranstaltungen
Integrationsworkshop zur Vorbereitung des Dachstein Feldtestes im Suitlab Laboratory Innsbruck
Gernot Grömer im Planetaium Stuttgart - Multimediavortrag mit Gernot Grömer rund um die Forschungsaktivitäten des ÖWF.
Wann: 15. März 2012
Wo: Planetarium Stuttgart
Von 15 bis 17 Uhr heißt es für Kinder wieder, das Weltall mit selbst gebauten Raketen zu erkunden.
Wie jedes Jahr feiern wir am 12. April den Erstflug von Yuri Gagarin. 2012 wird die Yuris Night im Naturhistorischen Museum in Wien stattfinden. Auch der Polarsternpreis 2012 wird im Rahmen der Veranstaltung verliehen.
Wann: 12. April 2012, 18 Uhr
Wo: Naturhistorisches Museum Wien
Die Europäische Weltraumorganisation ESA sucht und finanziert TeilnehmerInnen für das European Space Camp 2012.
Das European Space Camp auf der nordnorwegischen Raketenbasis Andoya lädt Jugendliche im Alter zwischen 17 und 20 Jahren vom 24. Juni bis 2. Juli 2012 zur Teilnahme am Raketenstarten im Rahmen des European Space Camp 2012 ein.
Die Bewerbungsfrist läuft bis 1. April 2012.
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